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NOVEMBER 2019

Bilsenkraut (Hyoscyamus niger)

aus der Familie der Nachtschattengewächse, höchst giftig und trotzdem ein bewunderter Gast unserer Blumenwiese.

"Was ist das nit gifft ist?...


…Alle ding sind gifft und nichts ist ohn gifft.
Allein die dosis macht das ein ding kein gifft ist.“

So schrieb es der experimentierfreudige Schweizer Arzt Paracelsus Anfang des 16. Jahrhunderts und machte sich mit Äußerungen wie dieser zu seiner Zeit nicht nur in Medizinerkreisen erheblich unbeliebt. 

Im Großen und Ganzen stimmt man seiner Aussage sicherlich zu, allerdings gibt es Toxine, die in so minimalen Dosen verabreicht werden müssten, dass es für den Hausgebrauch nicht anzuraten wäre, sie als Heilmittel einzusetzen. Voraussetzung für eine bewusste Verwendung von Pflanzen als Naturheilmittel ist in jedem Fall das Wissen über die heilbringenden Gewächse der Natur. Und darin besteht die Crux: Kaum einer weiß noch, was bei uns auf der Wiese, im Wald, im Garten oder sogar im Blumentopf zu Hause wächst. 

Seit Paracelsus´ Zeiten haben wir uns immer mehr von der Natur entfernt, wir leben entkoppelt von unserer Umwelt und sehen das Grün als etwas, was „da draußen“ ist, ohne zu realisieren, dass wir immer noch ein Teil davon sind. Dabei gehören die Kenntnisse über die Wirkstoffe von Pflanzen zum Urwissen der Menschheit. Mit der heutigen Unkenntnis kommen Vorurteile und Fehlentscheidungen; wir verbannen einige Giftpflanzen aus unseren Gärten, um sie, unwissend, durch andere zu ersetzen. Wie oft hört man, dass der Fingerhut nicht im Garten geduldet wird; der Goldregen, die Herbstzeitlosen, die Heckeneiben, Lorbeerkirsche und sogar der Buchsbaum dagegen gerne in Pflanzungen verwendet werden, diese aber ebenso giftig, einige sogar um ein Vielfaches giftiger sind oder zumindest giftige Anteile besitzen. Der schöne, oft in Schattenanlagen gepflanzte Blaue Eisenhut (Aconitum napellus) ist eine der giftigsten Pflanzen Europas überhaupt. Wird er nur in geringster Dosierung als Medizin eingesetzt, lindert er Übelkeit, Erbrechen und Durchfall, allein die Berührung kann allerdings ausreichen, um einen Hautausschlag durch das Gift Aconitin auszulösen, 2-5 Blättchen der Pflanze können tödlich sein. 

Erst die Kenntnis um die Wirkstoffe der Pflanzen erlaubt es uns, jene bewusst in unsere Umwelt zu integrieren und uns trotz der Gefahr an ihnen zu erfreuen. 

Gifte wurden über Jahrtausende von Naturvölkern intensiv genutzt und werden es heute noch. Von südamerikanischen Indianern zur Jagd genutzte Phytotoxine wie beispielsweise das Curare sind, wenn auch heutzutage synthetisch verbessert, ein wichtiger Teil unserer modernen Medizin. Genauso wie das Atropin der Tollkirsche, das Opium des Mohns, das Strychnin der Brechnuss (Nux vomica in der Homöopathie) oder die Glykoside des Fingerhutes, der Maiglöckchen oder des Oleanders. Die im Mittelalter oft als „Frauenkraut“ verwendete Alraune (Mandragora officinarum), ein Nachtschattengewächs - wie übrigens die Tomate und Kartoffel auch! - wirkt als äußerst starkes Halluzinogen, da sie einen ganzen Cocktail aus Giftstoffen enthält, unter anderem Alkaloide. Wohlwissend, aus ihr keinen Tee zu brauen, wächst sie bei mir im Garten, ein Muss für Kräuterhexen, Botaniker und Harry-Potter-Fans! Mit vorangegangener Aufklärung der Familienmitglieder, versteht sich. 

Verzichten wir nicht auf den Rittersporn, den Holunder, auf Wolfsmilch, Farne, Trollblume, Mohn und das Tränende Herz (Giftpflanze des Jahres 2017), auf die Engelstrompete, die sich an vielen Terrassenwänden oder Pergolas hochwindet, auf Robinien, Christrosen und Hortensien, welche übrigens Blausäureverbindungen, ebenso wie die Buschbohne im Gemüsegarten, enthalten!

Aber genug von den giftigen Vertretern des Grüns. Ebenso erfreulich und mehr noch hilfreich für den Hausgebrauch sind die Heilkräuter, die ohne Bedenken in Tee oder Badewasser gelegt werden können. Thymian, Minze, Salbei und Co. sind die gerngesehenen Vertreter des Kräuterbeetes, während zB. Kamille, Spitzwegerich oder Huflattich, als „Unkraut“ weggehackt, durch ihre Wirkstoffkomplexe aber höchst effektiv bei Atemwegserkrankungen helfen. Eine ganze Armada an natürlichen Helfern stünde uns zur Verfügung, wenn wir uns nur mehr damit befassen würden. 

Wissen und Weitergabe von Wissen ist das A und O für die Navigation durch das Kräuteruniversum. 

Völlig unwissend war auch ich allerdings kürzlich, als mir eine Freundin ihre Parakresse als höchst interessante Heilpflanze zum Kauen anbot! Ein Biss in eine Parakresseblüte ist ein Erlebnis, das man sein Leben lang nicht mehr vergisst! Nach einem anfänglich scharfen Geschmack folgte ein bitter-brennendes Prickeln, gefolgt von einem langanhaltenden Taubheitsgefühl im Mund, das, in meinem Fall, mit einem erheblichen Speichelfluss begleitet wurde. Wäre mir gesagt worden, was es mit der Wirkung dieser Pflanze auf sich hat, hätte ich mir eine Creme daraus gemacht, denn wer es- wie ich- noch nicht wusste: Parakresse ist das neue Botox!

 

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© The Green Room by Imke Dressler